FAZ.NET - F.A.Z. Aktuelle Ausgabe Politik Meinung 29. April 2002 horand Die Beunruhigung muß bleiben Von Heike Schmoll Das Blutbad am Erfurter Gutenberg-Gymnasium zum tragischen Einzelfall zu erklären verstellt den Blick auf die Zusammenhänge. Vieles an der Tat des 19 Jahre alten Schülers, der im vergangenen Jahr das Abitur nicht bestanden hatte und nach der Fälschung von Krankmeldungen zu einem zweiten Versuch nicht mehr zugelassen worden war, erinnert an archaischen Gewalt- und Blutrausch in antiken Tragödien. Von einem Amoklauf aber kann nicht die Rede sein. Amokläufer schießen wahllos um sich. Der Erfurter Schüler jedoch plante seine Tat genau und schoß kaltblütig. Seine Opfer waren vor allem Lehrer, die er zu Unrecht verantwortlich machte für sein eigenes Schulversagen. Einiges weist auf eine narzißtische Persönlichkeit hin. Solche Menschen haben eine ausgeprägt geringe Frustrationstoleranz und können durch eine unverarbeitete Kränkung zu unberechenbaren Gewalttätern werden. Es hilft jedoch in diesem Fall nicht wesentlich weiter, psychologisch über den Zusammenhang einer tiefen narzißtischen Krise durch eine als unerträglich empfundene Kränkung und eine überstark erlebte Aggression nachzudenken. Offenbar konnte der Täter nicht damit umgehen, daß ihm der Weg zum Abitur verweigert wurde; er sah darin ein Urteil über seine Existenz. Insofern ist die Erfurter Tragödie nicht schulspezifisch. Denn überall dort, wo Urteile über menschliche Berufs- und Lebenswege gefällt werden, gab es und gibt es gewaltsame Racheakte, die sich gegen diejenigen richten, die angeblich für das Scheitern verantwortlich sind. Vor kurzem hat ein Angestellter seinen Meister in München erschossen, weil der ihm gekündigt hatte. Ein Arzt mußte mit seinem Leben bezahlen, weil er den Brustkrebs bei der Frau des Täters nicht erkannt hatte. Richter sind regelmäßig gefährdet, von Verurteilten oder deren Komplizen "zur Rechenschaft gezogen" zu werden. Das entsetzliche Ausmaß der Erfurter Tat erinnert daran, daß Gewaltorgien und Blutrausch die Menschheitsgeschichte von Anfang an begleitet haben. Vermutlich ist es ein Irrtum, zu glauben, daß es in der modernen Mediengesellschaft mehr Gewalt gebe; sie wird in ihr nur bekannter. Es gibt niemanden, der völlig frei von Gewaltphantasien wäre. Warum erfreuen sich Gewaltvideos solcher Beliebtheit? In der Regel sorgt die Einhaltung bestimmter gesellschaftlicher und zivilisatorischer Regeln dafür, daß die Gewalt nicht zum Ausbruch kommt. Zu einfach wäre es, die Vorliebe des Erfurter Schülers für Gewalt- und Videospiele zur Hauptursache zu erklären. Offenbar war er auch kein isolierter Einzelgänger, sondern besuchte auch nach dem Schulverweis regelmäßig sein sportliches Training. Auch naheliegende sozialpsychologische Erklärungsmuster versagen im Erfurter Fall: Das Gutenberg-Gymnasium gehört zu den anerkanntesten Schulen der Stadt und befand sich auch nicht in einem sozialen Brennpunkt. Der Ruf nach größerer Sicherheit für Schulen, Polizeiaufgeboten und Überwachung, die Beschwörung von Werten und die Forderungen nach einer veränderten Lehrerausbildung und mehr Schulpsychologen sind Ausdruck einer verständlichen, aber nicht weiterführenden Hilflosigkeit. Welche Ursachen im einzelnen zu dieser Tat geführt haben, wird vermutlich nie bekanntwerden. Wenn man in ihrer Unsinnigkeit doch noch einen Sinn finden will, dann ist es die geradezu antike Katharsis durch Furcht und Schrecken. Denn alle noch so plausiblen Erklärungsmuster haben den Nachteil, die bleibende Beunruhigung durch Erfurt einzuebnen. Einfache Lösungsvorschläge führen unweigerlich dazu, möglichst schnell die Erfurter Bluttat abzuhandeln. Es gilt jetzt, die Gewalt in ihrem ganzen Ausmaß anzuschauen und sie nicht wegzudiskutieren. Die Beunruhigung muß bleiben. Wer solch eine Tat begehen will, wird auch künftig nicht daran gehindert werden können. Die Aufgabe besteht jetzt darin, mit der Beunruhigung zu leben und wachsamer zu werden für zwischenmenschliche Signale. Schülern ist klarzumachen, daß eine schlechte Note ein Urteil über ihre Leistung, aber nicht über ihre Person darstellt. Mit Gewalt muß noch restriktiver umgegangen werden. Daß einzelne Schüler einen Lehrer schon immer als ihren Feind oder als Übeltäter empfunden haben, ist literarisch belegt. Heinrich Manns "Professor Unrat", Hesses "Unterm Rad", Musils "Törleß" sind dafür nur einige Beispiele. Die Aggressionen der literarischen Schülergestalten richteten sich freilich fast ausnahmslos nach innen, nicht nach außen. Gegenwärtig verdichten sich die Hinweise darauf, daß das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer in Deutschland häufig gestört ist und Schüler sich bloßgestellt fühlen, weil sie auf Fehler und Schwächen hingewiesen werden. Nichts wäre jedoch ruinöser für die Schule als Schüler, die morgens voller Angst die Schule betreten. Bildung und Erziehung brauchen Geborgenheit und geschützte Räume, aber gleichzeitig Offenheit. Deshalb können Schulen nicht zu Hochsicherheitstrakten werden. Aber Bildung und Erziehung brauchen vor allem gesellschaftliche Wertschätzung. Nur so kann ein fruchtbares Lernklima entstehen. Auch wenn die Erfurter Bluttat die gesamte Gesellschaft betrifft, weil sich ihr eigener Zustand in der Schule am deutlichsten zeigt, hat sie eine schulspezifische Komponente, die jedoch nicht zu einer Schuldzuweisung an das betroffene Gymnasium führen darf. Gerade hat die Pisa-Studie darauf aufmerksam gemacht, daß zu den größten Schwächen des deutschen Schulsystems gehört, Schüler an die nächstniedrigere Schulart oder Institution abschieben zu können. Weder Gesamtschulen noch das Bestreben, alle Schüler auf dem Gymnasium oder der von ihnen gewählten Schule halten zu wollen, werden die Schwierigkeit lösen. Schulausschlüsse muß es auch in Zukunft geben. Allerdings stimmt es nachdenklich, daß die Länder, die über ein gutes Schul- und Lernklima verfügen, sich zur Aufgabe gemacht haben, jeden Schüler zu fördern und keinen als hoffnungslosen Fall zu betrachten. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2002, Nr. 99 / Seite 1