FAZ.NET - F.A.Z. Aktuelle Ausgabe Politik 29. April 2002 Auffällig unauffällig soll er gewesen sein Robert Steinhäuser, der Amokschütze / Von Julia Schaaf ERFURT, 28. April. Für alle, die Robert Steinhäuser nicht kannten, gibt es dieses eine Foto, das seit Samstag in den Medien gezeigt wird: ein junger Mann im Halbprofil, der in einem Klassenzimmer sitzt und ernst, fast ausdruckslos, den Betrachter anzublicken scheint. Im Hintergrund sind Schultische und ein Stück von der Wandtafel zu erkennen. Der Gymnasiast sieht nicht aus, als wäre er schon 19 Jahre alt, weil seine Wangen so fleischig sind; prägnante Züge haben sich noch nicht herausgebildet. Deshalb gibt es nichts Auffälliges zu beschreiben. Die kurzgeschorenen Haare sind wohl blond, aber relativ dunkel, er hat weder blaue Augen noch grüne, graue oder braune. Die Farbe liegt irgendwo dazwischen, aber daran ist vielleicht auch die schlechte Bildqualität schuld. Kleine Ohren, eine kurze, etwas knubbelige Nase, die geraden Brauen dicht über den Augen wirken etwas streng. Roberts Geheimratsecken sind ausgeprägt. Aber darunter leiden viele junge Männer. "Das war'n Stino-Typ", befindet ein junger Erfurter aufgrund des Fotos - ein Stinknormaler. Einer eben, wie es viele gibt. Das Bild, das sich von Roberts Person inzwischen zeichnet, gleicht dem Foto: "Auffällig unauffällig" - so hat der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel den Schüler charakterisiert, der am Freitag im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt sechzehn Menschen erschossen und anschließend sich selbst gerichtet hat. Spezialisten des Bundes- und Landeskriminalamts ermitteln zur Zeit, um Aufschluß über die Persönlichkeit, die psychische Verfassung und mögliche Motive des Schützen zu erhalten. Aber noch sind die Informationen karg, es gibt Widersprüche und verfälschende Medienberichte. Daß Robert zum Beispiel "immer auffallen" wollte, wie eine frühere Mitschülerin vor Fernsehkameras sagte, scheint auf einer Verwechslung zu beruhen. Wenn aber jemand von Nachbarn und Mitschülern gleichlautend als unauffällig beschrieben wird, heißt das vor allem, daß niemand etwas Genaues weiß. "Er war sehr in sich gekehrt, eher ein Außenseiter", erinnert sich eine Abiturientin, die in den vergangenen beiden Jahren mit Robert dieselbe Klasse besuchte. Als er im Februar der Schule verwiesen wurde, weil aufflog, daß er Atteste gefälscht hatte, hat zunächst keiner seiner Mitschüler davon gewußt. Robert hatte in der eigenen Klasse offenbar kaum Freunde. Das heißt allerdings nicht, daß Robert sich isoliert und einsam fühlte. Es gibt Jugendliche, die den Amokläufer vom Sehen kennen und sich daran erinnern, daß er immer in Begleitung gewesen sei. Ein Erfurter berichtet, ihn hin und wieder im "Centrum" getroffen zu haben, im beliebtesten Club der Stadt. In einem ehemaligen Fabrikgebäude wird unter Mottos wie "Pulp Fiction", "Saturday Night" oder "Electro" getanzt, aber es gibt auch regelmäßige Kinoabende, bei denen Independent-Filme zu sehen sind und die Leute auf Sofas beisammensitzen und Bier trinken. Robert soll sich zwischen Hip-Hoppern bewegt und sich im entsprechenden Stil gekleidet haben. Auch eine Elftkläßlerin, die den Amok-Schützen in Pausen manchmal in der Raucherecke auf dem Schulhof gesehen hat, erinnert sich an Jacken, Pullis und weite Hosen, wie sie in der Hip-Hop-Szene üblich sind. Viel sagt diese jugendkulturelle Zuordnung allerdings nicht aus. "In Erfurt kenne ich eigentlich kaum noch einen unter achtzehn, der keine weiten Hosen trägt", sagt ein Zwanzigjähriger. Wer in Ostdeutschland nicht wisse, wo er hingehöre, orientiere sich am Hip-Hop. Über Roberts Freizeit ist außerdem bekannt, daß er Mitglied in einem Handball- und zwei Schützenvereinen war. Im Schützenverein hat er das Schießen gelernt und die Erlaubnis erhalten, Waffen zu besitzen. Vom Handballtraining soll Robert sich vor einiger Zeit abgemeldet haben. Ein "Frauentyp", sagen Lehrer, Schüler und Bekannte, sei Robert nicht gewesen. Robert war nicht gut in der Schule. Schon vor zwei Jahren hat er sich am Ende der elften Klasse freiwillig zurückstufen lassen. Er habe sich schwer damit getan, logische Schlüsse zu ziehen, erinnert sich sein damaliger Geschichtslehrer Rainer Heise, der ihn sechs Stunden in der Woche unterrichtete. Mitschülerinnen beschreiben ihn als faul und desinteressiert. Ihm als Autorität, berichtet Heise, sei Robert "großspurig" und provozierend gegenübergetreten. So habe ihm der Schüler kumpelhaft auf die Schulter geklopft oder ihn plötzlich geduzt. Es ist unwahrscheinlich, daß Roberts Eltern von den Schulschwierigkeiten ihres Sohnes wußten. Heise jedenfalls hat sie nie bei einem Elternabend kennengelernt. Und über den Schulverweis im Februar waren sie offenbar nicht informiert. Noch an dem Morgen, als der Neunzehnjährige das Haus verließ, um später seine ehemaligen Lehrer zu ermorden, sollen sie ihn mit guten Wünschen für die Abitur-Prüfung verabschiedet haben. Roberts Mutter ist Krankenschwester, sein Vater arbeitet in leitender Funktion bei Siemens. Die Familie wohnt an der Ottostraße in einem Haus, das nicht nur auffällt, weil es eines der ältesten auf der rechten Seite der schmalen Wohnstraße ist, sondern auch durch sein freundliches Äußeres. Gelb gestrichen, mit einem üppigen Vorgarten davor und hübsch bepflanzten Balkonkästen, beherbergt es in der Dachwohnung Roberts Familie und ein Stockwerk tiefer seine Großeltern, deren Eltern wiederum das Haus im Jahr 1928 gebaut haben. Roberts Familie ist hier erst nach der Wende eingezogen, sein älterer Bruder lebt nicht mehr zu Hause. Die Nachbarn äußern sich voller Wohlwollen über die älteren Generationen der Familie Steinhäuser, freundliche Leute, die zu DDR-Zeiten nicht in der Partei engagiert gewesen seien. Von Robert haben alle wenig mitbekommen. Helga Mondschein, die direkt nebenan wohnt und weiß, wie sehr Roberts Vater den Garten hinter seinem Haus liebt, in dem ein kleiner Pavillon steht, hat den Jungen höchstens ab und zu beim Rasenmähen gesehen. Aber der Großvater, ein "Bilderbuch-Opa", wie es heißt, soll seinen Enkel Nachbarn gegenüber gelobt haben: Robert sei ein guter Junge, er kümmere sich immer um die Katze. Was aber hat Robert zu seiner Wahnsinnstat getrieben? Bisher gibt es nur Mutmaßungen. Eine junge Frau vermutet, daß der junge Mann im Schatten seines Bruders stand, der ein sehr guter Schüler gewesen sei. "Das war bestimmt sein Frust", spekuliert ein junger Mann, der Robert gut kannte, und weiß, daß Robert unbedingt studieren wollte, irgendetwas mit EDV. Viele Erfurter sagen mit einer Mischung aus Verständnislosigkeit und Verachtung, Robert sei "krank im Kopf" gewesen. Sein Lehrer Heise berichtet von einem Vorfall, der sich vor zwei Jahren während einer Klassenfahrt ereignet hat. Trotz Alkoholverbot hatte Robert eine Flasche Whisky dabei. Mit einem Cowboyhut auf dem Kopf kam er plötzlich aus dem Zimmer, formte eine Pistole mit den Fingern, zielte auf einen Lehrer und sagte: "Ich bringe dich um." Der Mann ist unter den Opfern vom vergangenen Freitag. Heise glaubt zwar nicht, daß Robert schon damals seine Bluttat plante. Aber er sagt: "Im Grunde ist er mit seinen neunzehn Jahren ein kleiner Wildwestjunge von zwölf, dreizehn gewesen - nur mit den Waffen eines Erwachsenen und mit scharfer Munition." Daß Robert sich viel mit Waffen und Schießen beschäftigt haben muß, bestätigt auch die Polizei. In seiner Wohnung wurden zahlreiche gewaltverherrlichende Computerspiele und Videofilme gefunden, in denen es immer um das eine geht: Schießen. Was auch immer die Ermittlungen der Polizei zutage fördern werden - keiner weiß, ob man Robert Steinhäuser im nachhinein je wirklich kennen und verstehen wird. Für Michaela Seidel, Schülersprecherin des Gutenberg-Gymnasiums, die ebenfalls mit dem Mörder ihrer Lehrer in eine Klasse ging, jedenfalls ist das auch nicht das Ziel: "Ich muß ganz ehrlich sagen: Ich kannte ihn nicht wirklich", äußerte sie am Sonntag. "Und ich möchte ihn auch nicht kennen." Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2002, Nr. 99 / Seite 3